Der Weg zur Schule, das Haus an der Ecke, die Fahrt mit der Straßenbahn: Für Kinder ist Wien zunächst das, was sie selbst erleben. Im Wien Museum am Karlsplatz lässt sich dieser vertraute Ausschnitt erweitern. Die Stadt war nicht immer so, wie sie heute aussieht, und sie bedeutet für verschiedene Menschen Unterschiedliches. Ein Familienbesuch wird besonders interessant, wenn er bei einer eigenen Erfahrung ansetzt, statt mit dem Anspruch zu beginnen, die gesamte Stadtgeschichte zu verstehen.

Die Dauerausstellung „Wien. Meine Geschichte“ führt von den frühesten Besiedlungen bis in die Gegenwart. Sie verteilt sich auf drei Geschoße und behandelt unter anderem Wohnen, Arbeit, Verkehr, Migration und Umwelt. Ihr könnt diesem zeitlichen Verlauf folgen. Ihr könnt aber auch eine Frage mitbringen, die zu eurem Alltag passt, und damit einzelne Objekte betrachten. Unser Vorschlag: Wählt vor dem Besuch etwas, das euer Kind an Wien kennt und worüber es mehr erfahren möchte.

01 / DER EIGENE ALLTAG

Ein bekanntes Thema macht Geschichte zugänglich

Vielleicht interessiert euch, wie Menschen früher unterwegs waren. Vielleicht möchtet ihr darüber sprechen, wie sich Wohnungen unterscheiden oder was eine Stadt zum gemeinsamen Lebensraum macht. Mit einer solchen Frage im Kopf müsst ihr nicht jedes Objekt gleich wichtig finden. Sucht nach einem Gegenstand oder einer Darstellung, die euch einen Vergleich ermöglicht: Was erkennt ihr wieder? Was wäre in eurem Alltag ungewohnt? Welche Information braucht ihr noch, um den Unterschied zu verstehen?

Versucht dabei, „früher“ nicht zu einem einzigen Bild zusammenzuschieben. Auch innerhalb einer Zeit konnten Menschen sehr unterschiedlich leben. Wenn ein Kind fragt, ob damals alle dieselben Möglichkeiten hatten, lohnt es sich, gemeinsam den Ausstellungstext zu lesen. Eine offene Antwort ist hilfreicher als eine schnell erfundene Erklärung. Ihr dürft sagen: Das können wir an diesem Objekt allein nicht erkennen.

Blick von der Karlskirche auf das erweiterte Wien Museum. Archivaufnahme aus der Umbauphase 2023.
Blick von der Karlskirche auf das erweiterte Wien Museum. Archivaufnahme aus der Umbauphase 2023. Foto: Peter Christian Riemann

02 / GEMEINSAME TREFFPUNKTE

Große Objekte als gemeinsame Treffpunkte

Zu den auffälligen Ausstellungsstücken gehören ein großes Modell des Stephansdoms und der Praterwal Poldi. Solche Objekte können einen Besuch strukturieren, ohne dass sie ein Pflichtprogramm werden. Ein bekanntes Gebäude im Modell lädt dazu ein, Einzelheiten zu entdecken, die im Straßenraum schwer zu überblicken sind. Beim Wal kann die Frage beginnen, warum gerade dieses Objekt in einem Stadtmuseum seinen Platz hat.

Lasst zunächst die Kinder beschreiben, was sie sehen. Danach könnt ihr zusammen nachlesen, was das Museum zur Geschichte des Gegenstands erzählt. So bleibt der erste Eindruck von der Erklärung unterscheidbar. Wer gerne zeichnet, hält ein Detail fest; wer lieber erzählt, kann einen eigenen kurzen Rundgang für die Familie übernehmen. Es braucht dafür weder eine vollständige Zeichnung noch eine perfekte Zusammenfassung.

Ein originales CARE-Paket als Ausstellungsobjekt im Wien Museum. Aufnahme von 2024.
Ein originales CARE-Paket als Ausstellungsobjekt im Wien Museum. Aufnahme von 2024. Foto: Soho1080

03 / MIT KINDERN

Der Museumskorb und die Angebote für Familien

Für Kinder ab drei Jahren bietet das Wien Museum einen Museumskorb zur selbstständigen Erkundung an. Informiert euch vor Ort über Ausleihe und Verfügbarkeit. Der Korb kann eine gute Wahl sein, wenn ihr einen konkreten Einstieg sucht, aber keinen durchgehend geführten Besuch möchtet. Er ist ein Angebot des Hauses; die Suchfragen in diesem Artikel sind davon unabhängig und stammen von unserer Redaktion.

Daneben gibt es offene Ateliers und Workshops. Das Museum unterscheidet ausdrücklich zwischen offenen Atelierterminen ohne Anmeldung und Workshops, für die eine Anmeldung vorgesehen ist. Schaut trotzdem immer in den jeweiligen Kalendereintrag: Alter, Beginn, Dauer und Teilnahmebedingungen gehören zum einzelnen Angebot. Ein offenes Atelier ist keine Zusage, dass an jedem beliebigen Besuchstag ein Atelierprogramm stattfindet.

Wenn in einer Familie mehrere Wien-Geschichten zusammenkommen

Das Thema Stadt bietet Raum für unterschiedliche Erinnerungen. Vielleicht ist ein Elternteil in Wien aufgewachsen, ein anderes Familienmitglied später zugezogen. Vielleicht kennen Großeltern bestimmte Straßen aus einer anderen Lebensphase. Daraus kann ein Gespräch entstehen, ohne dass eine Erfahrung als die einzig richtige gelten muss. Fragt nach konkreten Dingen: Wo habt ihr gespielt? Wie seid ihr zur Schule gekommen? Welcher Ort war für euch wichtig?

Ihr könnt diese Fragen auch mitnehmen, statt sie während des Museumsbesuchs vollständig zu beantworten. Ein anschließender Austausch zu Hause oder ein gemeinsam betrachtetes Familienfoto verbindet die Ausstellung mit eigenen Geschichten. Achtet dabei darauf, Erinnerung und belegte Information nicht gleichzusetzen. Gerade für größere Kinder kann interessant sein, dass sich Menschen an denselben Ort verschieden erinnern und ein Museum wiederum andere Quellen zeigt.

Eine kleine Route reicht für den ersten Besuch

Entscheidet euch für einen Schwerpunkt, einen gemeinsamen Treffpunkt in der Ausstellung und eine mögliche Ergänzung. Nach dem ersten Teil könnt ihr neu überlegen, wie viel Aufmerksamkeit noch da ist. Die Größe der Dauerausstellung verlangt nicht, sie in einem Zug vollständig zu besuchen. Wiederkommen mit einer anderen Frage kann den Blick verändern: Beim ersten Mal waren es Fahrzeuge, beim nächsten vielleicht Häuser oder Freizeit.

Das Wien Museum liegt am Karlsplatz 8. Die offizielle Hausseite und die Seite zur Dauerausstellung geben einen Überblick. Aktuelle Öffnung und Konditionen bitte direkt beim Museum prüfen; Sonderausstellungen und Programme können eigene Regelungen haben. Für Kinder- und Familienangebote führt der Kalender zum passenden Termin. Der wichtigste Ausgangspunkt bleibt eure eigene Stadtfrage: Was möchtet ihr über das Wien erfahren, in dem ihr heute unterwegs seid?